„Se tiggets plies!“

Ein mickriger Donnerstagmorgen. Ich bin pünktlich. Der ICE 1013 aber nicht. 12 Minuten später endlich kommt er. Wagen 39, Platz 25. Besetzt! Der Besetzer schaut gelangweilt aus dem Fenster und telefoniert. „Guten Morgen“, er zeigt mit einer lasziven Handbewegung auf den Platz neben sich „….und dann machen wir eben ein paar Fingerfoods!“ Wie bitte? Der Mann sagte „Fingerfod“ so wie „Tod“. Also „Fingerfod“. Party – oder mit wem redet er über was? Auf der gegenüberliegenden Seite, Einzelsitz, entlässt ein hagerer, streng aussehender Mann, Typ: alter Besserwisser, gerade eine Frau am Telefon, weil sie mehrfach ohne Krankschreibung gefehlt hat.

“Bitte gerne, nehmen Sie sich einen Anwalt, wir haben eine ganze Rechtsabteilung!“ Ich ahne, es wird eine unterhaltsame Bahnfahrt. Schließlich kann ich meinem Besetzer klarmachen dass sein Sitz mein Sitz ist, genervt, mit hörbaren tiefen Schnaufen packt er seine Sachen zusammen und trollt sich. Das Handy immer noch am Ohr. Wahrscheinlich in den Speisewagen, Bordbistro genannt. Dort sitzen immer die Heimatlosen ohne festen Sitz, 650 Kilometer und ein Café. Höchstgeschwindigkeit 200 Kilometer/h. „Bicos of teknikal risens wi häv a dilai of fiftiin minuts nau“. Was sagt der Mann aus dem quäkenden Lautsprecher? Sind wir nicht in Deutschland? Hinter mir zwei ältere Damen. Das frisch gewellte Haar in royalem Licht-Violett. Ich weiß nicht, aus welcher Stadt die beiden kommen, aber ich weiß jetzt alles über Angela Merkel – „…also was die immer trägt?“ – Jürgen Trittin –„….der redet immer so laut!“ – und über Martha und Peter, den Schützenverein „….jetzt soll doch der Vogel nur noch ganz klein sein: Ja, wer soll denn den noch treffen da oben?“ – „In e fju minuts wi will erreif Frankfurt/Ärport. Se echsit will bi on se reit seit“. Der Japaner vor mir mit dem großen Rucksack schaut unsicher. Ich lächle ihm zu. Aber Japaner lächeln selten zurück, schon gar nicht, wenn sie ratlos sind

Wir stehen gefühlte Stunden. Nichts geht mehr. Ein älteres Ehepaar kommt. Sucht seinen Platz. „Nein Ernst, so kann ich nicht fahren, rückwärts. Da wird mir schwindlig..“ Ernst schaut nicht amüsiert um sich, aber alle anderen Plätze, also auch die in Fahrtrichtung sind besetzt. Wir fahren weiter. Ernst diskutiert immer noch. „Se tiggets plies!“ Verständlich. Am Ärport steigen immer Ausländer ein, immer….Ernst ist total verwirrt.

Fesch sieht er aus, blütenweißes Hemd, scharf gebügelte Hosenfalten, Aktenkoffer von einem französischen Edellederladen, großer Siegelring am klingen Ringfinger, Brille mit dickem Goldrand, halblanger Kaschmirmantel und das Handy am Ohr. „Und was machst Du heute Abend?“ Knallt den Edellederaktenkoffer in die Gepäckablage und sich selbst auf den freien Platz neben mir. Ich: „Guten Morgen!“ Er: „Was?“ Die Erziehung scheint mit dem äußeren Eindruck nicht mitzuhalten. „Und hast Dir was Neues gekauft?“ Der Typ kann nur mit einer Dame telefonieren. Das Schätzchen von Ernst hat endlich einen Einzelsitz gefunden, Ernst sitzt drei Reihen weiter hinten und fährt rückwärts. Ihm geht’s gut. „Ledis und Dschndellmän, in a fju minuts wi will erreif Männem. Aua dilai is nau twänti faif minuts.!“ Mein Gott, was sagt der Mann uns da. „Se echsit is on se levt seid”. Wer eine Uhr hat weiß, dass die Anschlusszüge wieder mal weg sind, und – dass der Mann aus Mannheim kommt. Nur Mannheimer sagen Männem. Die Damen mit den royal licht-violett geföhnten Haaren hinter mir diskutieren inzwischen über den neuen Papst, den noch keiner so richtig kennt. Aber sie wissen was sie wollen. Er muss nett sein, liberal und sollte das Priesteramt auch für Frauen öffnen. „Also für mich wär´ das nichts“, sagt die eine. Die andere: “Warum nicht, als …..“ Und dann meldet sich wieder der Zugchef und beendet jedes weitere Gespräch: „In a fju minuts Stuttgart Meen S-teschen…..“ Warum nur hat der liebe Gott die englische Sprache erfunden. Zugegeben, zuerst spricht er immer deutsch. Das heißt bis Frankfurt-Flughafen war´s Sächsisch, nachdem Personalwechsel Schwäbisch. Aber der Sachse und der Schwabe haben wohl den gleichen Englisch-Kurs besucht .Ich freue mich auf München. Aber noch kommen Stuttgart, Ulm, Augsburg, Pasing. Und immer die gleiche Leier. Mit 37 Minuten Verspätung bin ich endlich da. 1 ½ Stunden Aufenthalt. Rückfahrt. Pünktlich setzt sich der ICE 514 in Bewegung. Und kommt mit wiederum 40 Minuten Verspätung an. Vielleicht täusche ich mich ja. Aber zu Dampflokzeiten waren die Züge pünktlich, die Fahrten länger und wenn das Ross da vorne schnaufte und schwarze Rauchwolken ausstieß, ging´s langsam los. Fast wie bei der Papstwahl, nur anders herum. Nur gelten bei der Papstwahl andere Rauch-Zeichen. Schwarz alles von vorne, bei Weiß ist das Ziel erreicht und Franz war plötzlich da. Eher als gedacht und also ohne Verspätung Als man noch Nachrichten mit Rauchzeichen weiterleitete – was für schöne Zeiten bis heute – ohne nerviges handy-Gesülze, ohne Englisch ähnelnden Zugansagen, und wenn irgendwo ein Telefon klingelte, dann klingelte es. Und heute: da bellen Hunde, schreien Babys, zwitschern Vögel, wiehern Pferde und meckern Ziegen: Und jedes Mal geht einer ran – und das sinnlos-nervende Quatschen geht von vorne los. Herr, lass die Rauchzeichen wieder zu…und ein wenig mehr Hirn zur Erde regnen.

Autor Hans Meiser | Veröffentlicht am 6. August 2013 at 11:00 | Kategorie: Gesellschaft | Schlagwörter: Schlagwörter: , ,

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