Nein, keine Lanze für Lanz. Aber…

Ich kann die ‚originellen‘ Sprüche über Markus, den Moderator, à la ‚Lanz schrecklich‘ oder ‚lanzweilig‘ nicht mehr hören. Sie sind mindestens so klischeehaft wie angeblich sein Gesprächsstil im Talk, seine Witze in ‚Wetten, dass…‘. Allerdings wusste der Profi wohl, dass er stellvertretend für alle die Haue einstecken muss, wenn es mal daneben geht. So wie zuletzt in der Mallorcashow. Dafür kassiert ja der Moderator aber umgekehrt auch beim Publikum den ganzen Ruhm, wenn es erfolgreich läuft. Mal abgesehen von den Honoraren. Mitleid also ist nicht angebracht. Und Mitleid wäre auch Gift für jemanden, der sich exponiert und Stimmungsmacher in der Unterhaltung, Meinungsführer in den Sprechrunden sein will.

Lanz ist ein Lehrstück über vieles, was beim Fernsehen schief läuft. Oder gut ist. Gut ist, dass man die früher strikte Trennung zwischen unterhaltsamen und informativen Inhalten aufgehoben hat. Lanz-Talk und Talks generell sind keine didaktischen Veranstaltungen. Und doch lernen wir etwas. Nicht politische Programme. Aber etwas über Persönlichkeiten und Verhalten. Es ist ein frommer Wunsch, den ‚wahren Kern‘ eines Politikers, eines Wirtschaftsführers, eines Prominenten aus Fernsehauftritten und Talkshows ableiten zu können. Was wir fast immer mitbekommen, ist die Fähigkeit, sich öffentlichkeitswirksam darzustellen. Bestenfalls wirksam. Das ist ja auch schon mal was. Und übrigens für eine Topposition unverzichtbar. Wie schön, wenn alle ganz gerührt den ‚wahren‘ Steinbrück mit seinen Tränen beim Eheauftritt zu sehen glauben. Aber als Dauerzustand kommt doch die professionell präsentierte öffentliche Entschlusskraft besser an, naja bei Steinbrück offenbar selbst diese nicht immer.

Lanz immerhin schafft es sogar häufiger, auch die Abgründe der Oberfläche aufzudecken. Da stellt er Fragen, die geschützt durch sein Schwiegersohnimage mehr aus dem sich sicher fühlenden Gast herausholen, als dem lieb sein mag. Lanz kann kritisch sein, nachhaken, und gut vorbereitet ist er auch. Den Karteikarten sei Dank. Also aus der gar-nicht-Not eine Tugend machen und tatsächlich mehr von dem Talk in die Samstagsshow einbauen. Und das mit anspruchsvollen Gästen. Die kann er besser als den Trash.

Wäre ja schön, wenn die Öffentlich-Rechtlichen, hier das ZDF, ihren Bildungsauftrag ernster nähmen. Wirklich? Nein. Fernsehen ist keine pädagogische Einrichtung. Was Fernsehen tut, ist vor allem, Stimmungen aufzugreifen, zu verstärken oder überhaupt erst zu schaffen. Das meine ich nicht politisch, sondern auf die gute alte Art psychologisch. Nichts ist doch angenehmer, als kurz vorm Einschlafen eine nette Gesprächsrunde mitzubekommen. Immerhin eine, bei der man fast schon im Halbschlaf noch ein paar Themen oder Personen mitbekommt, für die dann am nächsten Tag sogar echtes Interesse entsteht. Lanz ist gut als angenehmer Abendanreger. Hatte nicht Koepcke übrigens seinerzeit sogar die Geburtenraten ansteigen lassen?!

Auch das alles funktioniert nur, weil Lanz wirklich sympathisch ist. Und authentisch. Noch so ein Klischeewort. Lanz IST nett. Das gilt durchaus nicht für alle Sympathie’träger‘ im TV. Man merkt es schnell hinter den Kulissen. Wirklich rührend, wie er mir seinerzeit nach der Geburt seines ersten Kindes eine Vaterschaft als ganz toll ans Herz legte. Dieser Lanz ist dann aber nicht mehr authentisch, wenn er, der natürlich auch sehr ehrgeizig ist, sich verbiegt oder glaubt, sich verbiegen zu müssen. Er ist nicht trashig. Er ist nicht kindisch. Er ist nicht platt. Also lief das mit Cindy oder den Geissens gar nicht.

Genau das hat ihm aber eine völlig missglückte Redaktionsstrategie aufgezwungen. Und damit sind wir bei den strukturellen Problemen der Lanz-Arbeit und des TV insgesamt.

Im verkrampft-verzweifelten Bemühen, die Quoten der privaten Konkurrenz zu übertrumpfen und vor allem ‚jugendlich‘ zu sein, werden angeblich ‚junge‘ Stars gekauft, geliehen, gehypt. Und zwar Stars, die ihre eigentliche Karriere bei viel besser passenden kommerziellen Sendern machen. Cross-Promotion? Imagetransfer? Auja, hat geklappt. Nur in der anderen Richtung. RTL hat sich über Geissen-Reklame gefreut. Raab über die für Duschköpfe. Pro Sieben über die für Raab. Aber von diesen Sendern ist keiner rübergewandert zum ZDF. Komisch, ne? Nein, sorry, man verjüngt sich nicht durch an die Fünfzigjährige Stars, die bei privaten Formaten auch die Jugend erreichen. Man vertrasht sich höchstens. Oder sollte man in der Redaktion ernsthaft an die Formel Trash=Jugend geglaubt haben. Wird ja jetzt wieder korrigiert. Ich bin gespannt.

Das eigentliche Problem ist, es galt auch schon für die ja durchaus gelungenen Ankäufe von Lanz, Jauch und etlichen anderen für viel Geld, dass keine wirklich jungen Moderatoren mehr von den Öffentlich-Rechtlichen aufgebaut, gefördert und über längere Zeiträume im Programm gehalten werden. Manchmal braucht es dazu den langen Atem. Und die Quote ist ein nicht mehr akzeptables Argument. Sie stimmt für die unter 20-Jährigen sowieso gewaltig nicht. Also ran an den Aufbau der neuen Stars wie weiland Jauch und Gottschalk. Die man heute für teuer Geld wieder zurückholt. Ich hoffe, es ist Schiss vor dem Risiko und nicht Arroganz, der die jungen Moderatoren verhindert. Sollten in (Un-)Ehren ergraute Beamtenredakteure die unter 30-Jährigen für zu blöd, zu faul, zu unprofessionell als potenzielle TV-Leitfiguren halten? Da liebäugelt man dann schon wieder lieber mit Joko und Klaas, auch schon über dreißig. Oh Mann. Oh Frau. Die, die Frauen, hielt man ja bei den Öffentlich-Rechtlichen auch jahrzehntelang für nicht Polit-Talk-satisfaktionsfähig.

Möge Lanz also trotzdem bleiben. Er ist gut. Wenn die künftig für ‚Wetten, dass…‘ Verantwortlichen die Selbstverständlichkeit erkennen, dass Moderator, Gäste, Format, Sender zusammenpassen müssen. Und erst recht die Redaktion dazu passen muss. Nicht umgekehrt. Dann hält man für das Programm zumindest die Älteren.
Und dann aber junge, neue, freche, frische Lanze aufbauen! Die Jungen wandern eh schon weg vom herkömmlichen TV. Auch, weil sie sich wirklich nicht mehr wiederfinden im Programm. Holt sie also zurück.
Markus L. kann ja dann in seiner Show die Älteren trösten ob so viel Frechheit von der Jugend. Konnte er das nicht schon mal bei Frau Sass üben? Das und vieles andere hat er drauf.

Autor Jo Groebel | Veröffentlicht am 8. Juli 2013 at 8:59 | Kategorie: Kultur | Schlagwörter: Schlagwörter: ,

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