Mit dem Zweiten sieht man schlechter…

Donnerstagmorgen, wenige Stunden nach dem schweren Zugunglück bei Santiago de Compostela. Natürlich eines der großen Themen im ZDF-Morgenmagazin. Ja, man scheut dort weder Kosten noch Mühen, um aus Paris (!) die ZDF-Korrespondentin zuzuschalten. Schließlich gehört ja Spanien auch zu ihrem Beritt, und also muss sie alles wissen. Denkt man. Nur nebenbei bemerkt: Paris liegt von Santiago de Compostela 1530 km entfernt. Klar also, dass die Dame auf dem neuesten Informationsstand ist. Und also berichtet sie, nach Worten suchend, fast stammelnd schon, was ihr bekannt ist. Dass es wohl kein Anschlag ist, dass jetzt die Black-Box des Zuges ausgewertet wird, bevor man Schlüsse ziehen kann, dass immer noch Reisende im Zug stecken (in diesem Zusammenhang ein wirklich wundervolles Wort), und dass auf dieser erst 2011 renovierten Strecke sich bereits ein Zwischenfall ereignet habe. Damals „geriet ein Zug ins Schlingern“, allerdings ohne Folgen. Ein Zug gerät ins Schlingern…? Wie muss sich denn der geneigte Zuschauer dieses Zugschlingern vorstellen?

In einem redaktionellen Beitrag um 8.35 Uhr höre ich, dass immer noch Verletzte „geborgen“ werden, und sonst: es wird über die Unglücksursache vermutet, spekuliert, fabuliert. Seit 7 Uhr morgens aber berichtet bereits Focus-online, dass der Zug mit 190 km/h statt der vorgeschriebenen 80 km/h in die enge Kurve gefahren sei. Das hätte einer der beiden Lokführer berichtet. (Sic!) Und Spiegel-online schreibt zur gleichen Zeit, dass die große spanische Zeitung El Pais ebenfalls von 190 km pro Stunde berichtet hat. Ich frage mich, warum das ZDF diese Informationen nicht hat? Und ich frage mich, warum in der Berichterstattung des ZDF Verletzte geborgen werden. Weiß doch jeder angehende Journalist, dass Verletzte gerettet, Tote aber geborgen werden. Ganz offensichtlich also sieht man mit dem ZDF schlechter. Ist ja auch kein Wunder, wenn man sich mit zwei Fingern ein Auge zuhält.

Also rufe ich um 8.17 h an diesem Donnerstagmorgen die Zuschauerredaktion an und schildere der Dame, die nicht einmal ihren Namen zu nennen in der Lage ist, den oben geschilderten Sachverhalt und bitte um Aufklärung.

„Wie habe ich diese Berichterstattung zu verstehen?“. Die Dame gibt unumwunden zu, dass sie dafür keine Erklärung habe. Sie werde aber diese Anmerkungen an das Morgenmagazin in Berlin weiterleiten. Frage: “Erhalte ich dann eine Begründung für diese Art der „aktuellen“ Berichterstattung?“ Klare Antwort: „Nein!”. Das Gespräch ist beendet.

Wunderbar! Es lohnt sich also weder zeitlich noch finanziell, Fragen an das ZDF zu stellen. Vielleicht lohnt es sich auch wirklich nicht, überhaupt das ZDF zu sehen. Kein Wunder, dass diese Anstalt nur das “Zweite“ ist.

Autor Markus Messerschmidt | Veröffentlicht am 25. Juli 2013 at 13:21 | Kategorie: Kultur | Schlagwörter: Schlagwörter: , ,

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