Mit dem Stock an Grenzen stossen

Eigentlich wäre ich heute bei einem Treffen mit netten ehemaligen Kollegen. Nicht, dass der Regen mich abgehalten hätte, aber die Wahl des Lokals. Ok, es ist eine wunderbare Brauerei-Gaststätte in Düsseldorf, mit leckerem Alt und toller Speisekarte. Aber die Toiletten sind alle im Keller. Wie so oft. Wer, wie ich, leider an zwei Stöcken durch die Welt gehen muss, stößt überall auf solche Hindernisse.
Bei der jüngsten Wahl stand ich vor der Schule in der sich der Wahlraum befand. Vor mir eine riesige Treppe. Rampe oder Fahrstuhl? Fehlanzeige! Als ich mich hinaufgequält hatte und fragte, warum man auf Behinderte keine Rücksicht nimmt und Alternativen anbietet, war die Antwort: “Dann machen Sie doch Briefwahl!” Ich konnte meinen Mann gerade noch hindern, aus dem Anzug zu springen, ob der Unverschämtheit. Aber unsere Beschwerde zeigte Wirkung: Diesmal war der Hinweis auf der Wahlbenachrichtigung zur Europa-und Bürgermeisterwahl: Wahlraum nicht barrierefrei. Dazu eine Telefonnummer speziell für Gehbehinderte. Die Angestellte der Stadt war sehr, sehr freundlich und bot mir drei barrierefreie Ausweich-Möglichkeiten, plus Briefwahl an. Na bitte, geht doch.
Aber noch ein Beispiel: Wer als Geh-Behinderter Konzerte in der Düsseldorfer Tonhalle besuchen will, findet einen Aufzug, der ihn in den Rang bringt. Aber dann: Dicht gedrängt finden auf dem schmalen Stück hinter den Stuhlreihen maximal drei oder vier Rollstühle Platz. Wer einen guten Platz weiter unten haben will, muss über die Treppen laufen. Rampe? Keine Spur. Postfilialen, S-Bahnen – fast überall Treppen.
Wir Deutschen werden doch oft belächelt, dass wir für alles und jedes Vorschriften haben. Aber an Behinderte denkt keiner, und das bei einer Gesellschaft, die immer mehr altert. Warum müssen Gaststätten keine ebenerdige Toilette haben? Warum müssen Schulen, Opern-und Konzerthäuser keine Möglichkeiten bieten, auch als Gehbehinderter barrierefrei die erste Reihe zu erreichen?
Das wäre doch mal was für die EU, statt sich Gedanken über Kaffeemaschinen zu machen. Millionen Menschen wären dankbar für so ein Gesetz – da bin ich sicher.

Autor Claudia Fuhrmann | Veröffentlicht am 12. Mai 2014 at 11:37 | Kategorie: Gesellschaft | Schlagwörter:

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