Kein bisschen leise

90 Jahre – und kein bisschen leise. Unser gutes altes Dampfradio wird an diesem 29. Oktober 2013 stolze 90 Jahre alt. Dabei ist von Dampf schon lange keine Rede mehr. Und was zu Beginn noch etwas für die reicheren Menschen im Lande war gibt es heute kostenlos zu hören, zumindest im Internet und von den Privatstationen. Die öffentlich-rechtlichen Sender kassieren – immer noch. Und das für Programme, die sich teilweise durch wahrlich nichts von denen der privaten Anbieter unterscheiden.
Entwickelt hat sich das Radio zunächst einmal aus dem Marinefunk. Und sehr bald hat man erkannt, dass Radio sich auch als Massenmedium eignet. Sehr zum Ärger der Zeitungen damals. Die Damen und Herren der Druckkunst haben die Entwicklung einerseits mit großem Staunen verfolgt, andererseits aber auch mit einer gehörigen Portion Verachtung, aber auch Neid, Häme und nicht zu übersehender Ablehnung.
Heute hören wir Radio digital, Mono, Stereo, mit 5 oder gar sieben Lautsprecherkanälen. Aufgezeichnet und archiviert wird nicht mehr auf Bändern, sondern digital. Damals war alles anders. Und es gab noch nicht einmal Aufzeichnungsgeräte, damals im Oktober 1923. Doch, es gab die berühmten Wachsplatten, auf denen direkt mitgeschnitten wurden. Ganz wenige gibt es noch davon. Denn Wachs ist weich, und das wachsweiche ließ sehr schnell wieder verstummen, wenn die Platte nicht entsprechend gelagert wurde. Also wurde immer „live“ gesendet. Ganze Symphonie-Orchester versammelten sich vor den Mikrofonen, die Übertragungsqualität war furchtbar. Aber man konnte es nicht besser und man hatte ja auch gar keine Vergleichsmöglichkeiten. Die Ansagen wurden immer in staatsmännischer Lautstärke und Diktion gemacht. Wer Ansager im Radio war, hatte es geschafft. Wer im Radio auftrat, war ein Star. Ganz gleich, ob Ansager, Musiker, Schauspieler oder – Politiker.
Zwei Orte streiten sich noch heute darüber, welcher denn nun die Nr. 1unter den Sendern war. Eberswalde oder Königs-Wusterhausen. Denn von dort wurde gesendet. Das Signal aber kam aus dem Vox-Haus in Berlin. Und zugehört wurde zuhause. Mit einem Detektorempfänger, ein paar Drahtspulen, Kondensatoren und viele, viele Lötstellen, den Kopfhörer auf und man staunte über das, was aus dem fernen Berlin zu hören war.
Kopfhörer. Naja, das waren unförmige Bakelite-Hörer, die man sich an einem Drahtbügel über den Kopf stülpte. Und wenn Vater und Mutter und Oma und Opa zuhören wollten, brauchte die Familie eben 4 Kopfhörer. Ein verdammt teurer Spaß damals. Und trotzdem hat sich das Radio rasend schnell durchgesetzt.
Auch in der Politik. Die braune Nomenklatura zu Beginn der unseligen 30-er Jahre wusste sehr schnell um die Vorzüge des Radios, führte für kleines Geld den Volksempfänger ein. Jede Familie sollte ein Radiogerät haben. Und wirklich fast jede Familie wurde damals auch politisch durch das Radio in den nationalsozialistischen Bann gezogen.
Nach dem Krieg lag auch der Rundfunk, wie man ihn jetzt nannte, am Boden. Nach englischem Vorbild wurde der Rundfunk wieder aufgebaut, nicht nach einem zentralistischem System wie bei den Nazis, sondern föderalistisch. Und so erklärt sich, dass wir heute zum Beispiel auf wichtigen Pressekonferenzen in Berlin Mikrofone von BR, SWR, RBB, SR, RB, NDR, HR, MDR und WDR sehen. Und alle nehmen das Gleiche auf und – senden auch das Gleiche, oder doch nicht ganz. Denn natürlich werden die Redaktionen das Gehörte für den Hörer mit den landsmannschaftlichen Interessen „seines Senders“ verbunden senden.
90 Jahre Radio, als wäre es gerade gestern gewesen…

Autor Hans Meiser | Veröffentlicht am 29. Oktober 2013 at 11:29 | Kategorie: Kultur | Schlagwörter:

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