Es ist soweit

11.11. um 11.11 Uhr – Frühlingserwachen in Köln. Die 5. Jahreszeit beginnt, und Köln ist nicht wieder zu erkennen. Ein norddeutscher Protestant, naturgemäß nicht unbedingt mit karnevalistischem Rheinwasser getauft, fährt mit dem Nahverkehrszug an diesem Montagmorgen aus Richtung Aachen kommend nach Köln. Auf den kleinen Bahnhöfen unterwegs steigen immer mehr Menschen ein, die jetzt schon lange vor 11.11 h karnevalistische Züge tragen: Ein Mönch in Kutte und mit großem Holzkreuz vor der Brust, der offensichtlich den Geboten der heiligen katholischen Kirche nicht sehr zugetan ist, beschäftigt er sich doch sehr selbstbewusst mit einer Sonnenblume, einem sonnengelben Haarkranz um den Kopf, die schwarzen Punkte im Gesicht sind vielleicht die Kerne, und die Arme stecken in dunkelsattem Grün. Beide genießen aus einem Glas sicherlich schon angewärmtes Kölsch. Zwei junge Damen tragen nur eine doch sehr auffallende pinkfarbene Maske vor dem Gesicht, jede ein Sixpack Bier im Arm. Das Ziel aller Narren an diesem Vormittag der Heumarkt in Köln. Was wohl das japanische Pärchen entweder nicht weiß oder nicht weiß, dass in Köln gerade einer der höchsten karnevalistischen Feiertage seinen Anfang nehmen wird. Kein Durchkommen auf dem Hauptbahnhof in Köln. Eine amerikanische Polizistin mit Knarre an der Koppel, übergroßer Sonnenbrille, ausladendem Dekolleté (Außentemperatur 2 Grad) und Polizistenmütze auf dem blonden Pferdeschwanz bahnt sich sehr burschikos ihren Weg zu McWash. Aber hier stehen die Menschen geduldig in einer etwa 20 Meter langen Schlange an. Wer Pippi machen will braucht ruhige Nerven und ein großes Stehvermögen. Warten vor dem Drehkreuz bis ein Häuschen frei ist, das Champagner-Plastik-Glas in der Hand. Ein übergroßer leibesgefüllter Mainzelmann drängelt sich durch, er kann nicht mehr warten. Es dräut und drängt nach draußen was vorher reingeschüttet worden ist. Mir entgegen kommt ein älterer Mann mit Dreispitz auf dem Kopf, sonst eigentlich ganz normal nur mit dem falschen Gebräu im Arm: Einem Sixpack mit Bier aus dem hohen Norden der Marke, für die im Sommer ein grünbetuchter Viermaster durch die Wellen pflügt. Pippi Langstrumpf schießt um die Ecke, lange blonde Zöpfe bis an die Hüften, zwei Zähne schwarz und somit unsichtbar, und viel zu viele Sommersprossen im Gesicht. Wenn das Astrid Lindgren gesehen hätte. Aber vielleicht sollten die viel zu vielen Sommersprossen ja auch die viel zu tiefen Falten der Pippi verstecken. Aus dem Supermarkt unter Gleis 6 wird Hektoliter Weise Bier geschleppt: Einzelflaschen, Sixpacks, Pittermännchen. Das sind diese riesengroßen 5 Liter fassenden Blechfässer, die natürlich länger vorhaltern, oder vielleicht doch nicht, wenn man zu viert oder fünft daraus trinkt. Der arme Neandertaler schleppt einen riesigen Holzprügel mit sich. Wegen Gefährdung des Flugverkehrs wäre er nie ins Flugzeug gekommen, wohl aber kommt er damit auf den Heumarkt in Köln. Und mitten drin in dem ganzen Gewusel, übertönt von kölscher Musik, drei Polizisten. Echt oder Karneval? Man weiß es nicht so genau, denn sie schauen nicht nur sehr entspannt, sondern fast schon schelmisch dem verrückten Treiben nach. Und der kleine Mönch in der schwarzen Kutte mit dem kleinen Kreuz vor der Brust: Vielleicht ein echter, vielleicht aber auch ….ich hätte ihn fragen sollen. In Köln weiß an diesem Tag keiner wirklich genau, was echt ist und was nicht, wer wer ist und wer ein ganz anderer. Aber alle wissen: (Erst) Am Aschermittwoch ist alles vorbei.

Autor Hans Meiser | Veröffentlicht am 11. November 2013 at 13:23 | Kategorie: Kultur | Schlagwörter:

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