Eine kurze Antwort auf Peter Trunk

Lieber Peter Trunk,

Sie haben recht: „Die Amis spinnen“. Denn Amerika hat mit der Demokratie etwas Neues gewagt, als sich Europa unter der Knute des Absolutismus krümmte, der Adel in Frankreich den dritten Stand für sein persönliches Vergnügen ausbeutete und ein preußischer König zwar verlangte, jeder solle nach seiner Fassung selig werden, jedoch keine Skrupel hatte, in Gerichtsverfahren nach Gutdünken einzugreifen und seine Grenadiere beim Spießrutenlauf zu Tode prügeln zu lassen. Da waren in den Augen des europäischen Adels die Bürger in den britischen Kolonien echte Spinner, als diese plötzlich verlangten, Steuerzahler hätten einen Anspruch auf Mitbestimmung und alle Menschen seien gleich geschaffen.

Aus dieser Spinnerei entwickelte sich die vitalste Demokratie der Welt, ein Vorbild für Millionen, eine Hoffnung für kritische Menschen in Europa, die ständig in Angst und Furcht vor einer reaktionären Obrigkeit leben mussten wenn sie allzu offen ihre Meinung äußerten. Der offene Diskurs ist eine der größten Errungenschaften der Demokratie – und auch nicht zuletzt ein Kind der amerikanischen Revolution von 1776. Dieser Diskurs ist der Austausch über Chancen, Möglichkeiten, Wege und Positionen. Der Journalist ist Teilnehmer dieses Diskurses, es steht ihm dabei frei, wie er sich positioniert. Wer meint, der Journalist in persona habe stets neutral zu sein, der irrt. Die Berichterstattung muss neutral sein, nicht der Journalist.
„Ein Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten“, hat Hajo Friedrichs gesagt. Dabei geht es aber nur um die Berichterstattung. Denn der Essay, der Kommentar, die Glosse sind journalistische Stilformen, die elementare Bestandteile freier Medien sind. Was sollte an die Stelle der Kommentare treten, der Rezensionen, der Essays? Die von Ihnen eingeforderte „neutrale Berichterstattung“ wäre nur noch eine gigantische Verlautbarungsmaschinerie, bedient von Politikern, Pressesprechern, Militärs und Unternehmen. Ein offener Diskurs sieht anders aus.

Und da sind wir am Punkt, der ihnen aufstößt. Sie beklagen sich über eben diesen offenen Diskurs zu den Schnüffeleien von Geheimdiensten, die nicht nur nach deutschem Verständnis mutmaßlich gegen geltendes Recht verstoßen haben, sondern auch nach US-Recht in einer dubiosen Grauzone operieren. Das aber ficht Sie überhaupt nicht an. Kein Wort zu diesem Frontalangriff auf die Freiheit. Sie halten deutsche Journalisten für die pingeligen ewigen Kritikaster. Doch die sind in erstaunlich guter Gesellschaft: Friedensnobelpreisträger Jimmy Carter hat im Nachgang der Schnüffelaktionen der NSA das amerikanische System heftig kritisiert: “Amerika hat derzeit keine funktionierende Demokratie”, bedauert der ehemalige US-Präsident, der mit der Aussöhnung Israels und Ägyptens vermutlich mehr für den Weltfrieden geleistet hat, als viele seine Nachfolger.

Doch der Diskurs zum Thema USA, so sagen Sie, sei nicht neutral. Natürlich ist er nicht neutral. Wie sollte er auch? Die Kritik, so monieren sie, sei einseitig. Warum eigentlich? Weil Ihre ganz persönliche Weltsicht von vielen Menschen nicht geteilt wird? Weil Sie glauben, einen Wissensvorsprung zu haben, über den nicht jedermann verfügt, vielleicht auch nicht der Autor dieser Zeilen? Ihre Sicht auf die Welt, lieber Peter Trunk, ist eine andere als die meine – und wenn wir beide losgingen in irgendeine x-beliebige Kneipe würden wir sicherlich ein Dutzend weiterer Ansichten dazu finden. Und das ist gut so. Denn das ist Demokratie. Das ist übrigens auch die Demokratie, die von der Generation unserer Großeltern erst wieder mühsam von Briten, Amerikanern und Franzosen gelernt werden musste.

Und so achte ich Ihren offenen Brief als Teil dieses wichtigen Diskurses. Ich darf aber sagen, dass ich Ihre Argumentationskette völlig absurd finde, denn die Konklusionen, die Sie versuchen herzustellen, entsprechen einem anderen Menschenbild als dem meinen. Ich erkenne zwischen Ihren Zeilen das Weltbild von Carl Schmitt und Thomas Hobbes, nicht das der Gründerväter der USA. Aber vielleicht liegt das auch an meiner liberalen Gesinnung. Aus Ihrer Argumentation sprechen weniger Bob Woodward, Carl Bernstein oder Seymour Hersh, als vielmehr Richard Perle, Karl Rove und Paul Wolfowitz. Aber vielleicht liegt das auch an meinem Respekt vor amerikanischen Journalisten und meinem Unbehagen gegenüber den Neocons.

Lieber Peter Trunk, Sie sollen meine Meinung nicht teilen. Aber Sie sollen sie respektieren und nicht versuchen, mir in Ihrem offenen Brief Dinge unterzuschieben, die ich weder geschrieben, noch für gut befunden habe. Lassen Sie uns die Diskussion über Freiheit und ihre Grenzen engagiert führen, lassen Sie uns sehen, ob mein liberaler Standpunkt Ihrem konservativen Denken etwas geben kann oder ob ich von Ihnen lernen sollte. Denn der Diskurs über die Entwicklung der Demokratie ist ein offener Diskurs – auch dank der demokratischen Traditionen der USA. Und spätestens seit Asterix wissen wir doch: Man darf auch mal laut sagen „Die spinnen, die Römer“ – und sich trotzdem über ihre großartigen Erfindungen freuen.

In diesem Sinne herzliche Grüße,
Malte Bastian

Autor Malte Bastian | Veröffentlicht am 29. August 2013 at 9:55 | Kategorie: Politik | Schlagwörter: Schlagwörter: , , ,

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