Arbeitssuche bei der Agentur für Arbeit? Unerwünscht!

In unserem Land gibt es eine Agentur für Arbeit und wenn man Arbeit sucht, denkt man doch, da sind meine Ansprechpartner. Aber das ist nach meiner Erfahrung ein Trugschluss.

Ich wollte mich, nach Jahren der Kindererziehung und nebenberuflichen journalistischen Tätigkeiten, wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen. Bei der telefonischen Kontaktaufnahme mit der Agentur, in der man Ausbildung, berufliche Tätigkeit und derzeitigen Status angibt, bekommt man auf Wunsch einen persönlichen Beratungstermin, schön und gut. Dieser wurde mir schriftlich mitgeteilt und lag ca. zwei Monate nach dem Telefonat.

Ich habe mich als arbeitssuchend geoutet und um Informationen bzw. Tipps zur Arbeitsmarktsituation in meiner Lebens- und Ausbildungssituation gebeten. Ich bin Anfang 50, war nach Abitur und abgeschlossenem geisteswissenschaftlichem Studium in verschiedenen Bereichen tätig, habe mich weitergebildet und dann mehrere Jahre als Redakteurin beim Fernsehen gearbeitet. Nach der Geburt meines ersten Kindes bin ich nach einem Jahr wieder an meinen Arbeitsplatz zurückgekehrt und habe nach dem zweiten und dritten Kind diese Arbeit- in Festanstellung – aufgegeben. In den letzten Jahren war ich in verschiedenen Bereichen, mal mehr, mal weniger freiberuflich aktiv, immer durch private Kontakte und immer meiner familiären Situation angepasst.

Naiv dachte ich jetzt: Meine Kinder sind selbstständiger, ich habe wieder Kapazitäten frei und nun möchte ich die nächsten zehn bis 15 Jahre nochmal beruflich gestalten. Dabei kann mir die Agentur für Arbeit doch sicherlich mit Rat und Tat behilflich sein.Mit bescheidenen Erwartungen bin ich zu diesem Termin gegangen, aber auf das, was ich dort erleben durfte, war ich nicht vorbereitet.

Durch leere Flure wanderte ich zu meiner mir per SMS zugesandten Zimmernummer. Die Hälfte der Türen waren geschlossen, die anderen Räume standen offen, in manchen saßen entspannte Menschen locker vor Computern und im Flur standen vereinzelte Mitarbeiter mit Kaffeetassen in den Händen im Gespräch beisammen. In meinem Zimmer saß eine junge Frau, zwei Kleinkindfotos standen auffällig neben dem PC, und ich wurde mit dem Satz begrüßt: „Ich habe nicht mit einer so vitalen und attraktive Frau gerechnet“. Ich war etwas irritiert ob dieser Bemerkung, wertete sie aber als Kompliment und wollte mit meinem Fragenkatalog beginnen. Doch sofort wurde ich unterbrochen und sie teilte mir unumwunden mit, dass es von ihrer Seite keine Arbeitsangebote gäbe, das ich unqualifiziert sei, sie mir empfehlen würde mir etwas Minijobbereich zu suchen, wobei sie mir aber nicht behilflich sein könne, sondern ich das privat und über die Internetjobangebote eigenständig suchen müsse. Ich könne mich allerdings um eine Wiedereingliederungsmaßnahme bemühen für Frauen mit langen Erziehungspausen und wenn diese bewilligt würde, könnte ich dort z.B. lernen, wie man sich richtig bewirbt. Allerdings mache das wenig Sinn, da es für mich, in meinem Alter und nach der langen Pause, keine berufliche Perspektive gäbe.

Ich war dermaßen platt, ob dieser offensichtlichen Abwiegelungstaktik, dass es in mir brodelte. Hilflos wies ich darauf hin, dass ich doch schließlich ein abgeschlossenes Studium, eine erfolgreiche Berufstätigkeit, Kindererziehung und freiberufliche journalistische Arbeit geleistet hätte, und ich es schon sehr verletzend fände mich nun als unqualifiziert zu titulieren. Die Antwort der Sachbearbeiterin: Das sei doch eine Tatsache und nicht persönlich gemeint und außerdem sei es ja auch nicht schlimm, dass ich mich um meine Kinder gekümmert hätte. Da schwoll mir nun doch der Kamm. Schließlich war ich hier zu einem persönlichen Gespräch, hatte meinen ganzen Werdegang bloß gelegt und saß persönlich vor einer Person, die sich keinerlei Gedanken zu einer für mich möglichen beruflichen Zukunft gemacht hatte. Sie erzählte dann, dass sie sich genau deshalb für die Beamtenlaufbahn entschieden habe. Da sei sie schließlich sicher auf Lebzeiten untergebracht. Früher haben ihre Freunde sie dafür belächelt hätten und heute wird sie beneidet. Na, herzlichen Glückwunsch: alles richtig gemacht!

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht mehr ob ich lachen oder heulen sollte, aber ich wollte mich immer noch nicht geschlagen geben und sagte der Dame: „ Sie müssen doch von irgendwelchen Berufsbereichen wissen, in denen es Bedarf gibt?“ Daraufhin wandte sie sich an ihre Pinnwand und las mir vor: z.B.: „Reinigungsbereich, IT, Erziehung…“ Ok IT- ist nicht mein Steckenpferd aber in beiden anderen Bereichen finde ich mich hochqualifiziert. Auf meine Frage, um was es sich im Erziehungsbereich handele, speiste sie mich mit der Bemerkung ab „dafür brauchen sie eine dreijährige Ausbildung und die wird ab 50 nicht mehr bewilligt.“

Unser Staat misst, was Arbeitsfähigkeit angeht, tatsächlich mit zweierlei Maß. Während dem Beamten auch nach vielen Jahren der Kindererziehung seine Arbeitsstelle erhalten bleibt, können alle anderen ab einem gewissen Alter und einem längeren Berufsausstieg nicht einmal mit einem staatlichen Ratgeber rechnen.

Mittlerweile habe ich von vielen ähnlichen Erfahrungen bei der Arbeitsagentur gehört. Einige erzählten von unterschiedlichen Informationen, bei unterschiedlichen Arbeitsvermittlern, aber es bleibt eine Tatsache, dass die Agentur Menschen um die 50 ausblenden möchte. Das Problem dabei ist aber: Wir sind die stärksten Jahrgänge dieses Landes. Frauen in meiner Lage gibt es viele. Abitur, Studium, Arbeit, Steuerzahler, Kindergebährende und diese Erziehende. Bei uns gab es noch keine staatserziehenden Kitas. Und die Möglichkeit seine Eier einzufrieren um seinen Fortpflanzungstrieb auf die, wie mir heute klar ist, für das Bruttosozialprodukt unwirtschaftliche Arbeitskraft ab 45 zu verlegen, wurde damals noch nicht durch die Medienlandschaft propagiert. Viele von uns haben in weiser Voraussicht auch mit Kindern weitergearbeitet und sehr individuell für deren Betreuung gesorgt. Welche Beweggründe zu dem einen oder anderen Weg geführt haben, ist den unterschiedlichen Lebensumständen geschuldet.

Aber eine generelle Tatsache bleibt, und diese ist allen gemein: Der Arbeitsmarkt hat ein Problem mit uns und wir mit ihm!

Autor Dorothee Gauer-Schimert | Veröffentlicht am 26. Mai 2014 at 15:25 | Kategorie: Gesellschaft | Schlagwörter: Schlagwörter: , , ,

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